TAGESZENTRUM MITEINANDER • FÜREINANDER

BEGEGNUNGS- UND BILDUNGSZENTRUM MEILEN

Konzept : Zielgruppe, Therapieangebot, theoretische Grundlagen

1. Einleitung

Im folgenden stellen wir das Konzept des Begegnungs- und Bildungszentrums Meilen vor, in dem eine besondere Form gesucht wird, psychische Gesundheit bei allen Beteiligten zu för­dern.

 

2. Entstehungsgeschichte

Das Tageszentrum Miteinander Füreinander - Begegnungs- und Bildungszentrum besteht seit April 2003. Es entstand aus dem Wunsch der Initianten, eine soziale Lernsituation zu schaf­fen, in der emotionale und theoretische Bildung in einer aktiven therapeutischen Gemein­schaft für Menschen in verschiedenen Lebens- und Gefühlslagen möglich wird. Ziel war es, gegenseitige Hilfe als ein entscheidender Teil des alltäglichen Lebens so zu fördern und zu verknüpfen, dass die Stärken aller Beteiligten zum Tragen kommen und hemmende Gefühlsanteile verringert oder sogar aufgelöst werden können.

 

3. Trägerschaft

Das Begegnungs- und Bildungszentrum wird vom Verein Tageszentrum Miteinander Fürein­ander getragen.

 

4. Zielgruppe

Grundsätzlich kann jeder an den Aktivitäten im Begegnungs- und Bildungszentrum teilneh­men, der sich für psychologische Fragen in Theorie und Praxis interessiert. Bei uns finden sich Menschen zusammen, die sich gerne mit anderen assoziieren oder mithelfen wollen, aktiv ein konstruktives Zusammenleben zu gestalten oder ihre soziale Kompetenz verbessern wollen. Zudem begrüssen wir gerne Menschen, die sozial zu wenig eingebunden sind oder in einer Lebenskrise stecken und mehr emotionale Abstützung brauchen oder die in einer spezi­ellen Lebenssituation ein soziales Umfeld suchen wie Arbeitslose, Migranten, Geschiedene oder Getrenntlebende. Wir freuen uns über die Teilnahme von Menschen, deren Wahrnehmung der Welt sich verändert hat, die sogenannt depressiv, präpsychotisch oder psychotisch sind oder die im Umgang mit ihren Mitmenschen schnell Schwierigkeiten erfahren, sogenannte Persönlichkeitsstörungen aufweisen und in kein hochstrukturiertes Programm aufgenommen werden wollen oder können. Auch nach einem Klinikaufenthalt können sich Menschen bei uns erholen oder ihre Gefühlsunruhe verringern. Drogensüchtige brauchen nach unseren Erfahrungen in der Regel ein anderes Umfeld, weshalb wir sie nicht aufnehmen können.


5. Finanzierung des Aufenthaltes

Wir meinen, dass es für die Überwindung von psychischen Schwierigkeiten von Vorteil ist, wenn der Teilnehmer persönliche Verantwortung übernimmt, auch in finanzieller Hinsicht. Deshalb bezahlt dieser den Aufenthalt in der Regel selbst. Die Leitung spricht die Höhe des Betrags individuell mit den Teilnehmern auch im Zusammenhang mit deren finanziellen Hintergründen ab. Sie liegt bei grösserem Betreuungsaufwand auch höher. Als Richtlinie verlangen wir pro Halbtag 20 SFr. Zusätzlich fällt der Beitrag für das Mittagessen an.

Ergänzend zu den Beiträgen der Teilnehmer begleichen wir die Miete für die Räumlichkeiten und sonstige Ausgaben über Spenden und über die Beiträge der Vereinsmitglieder.

Der finanzielle Aufwand ist gering, weil im Tageszentrum alle ehrenamtlich mitarbeiten - niemand verdient an seiner Mithilfe. Dies ist uns sehr wichtig, weil wir damit ausdrücken wollen, was dem Menschen entspricht: Der Mensch hilft dem anderen gerne, ohne daraus für sich materielle Vorteile gewinnen zu wollen. Die Anerkennung entsteht in den Begegnungen und in der theoretischen und praktischen psychologischen Fortbildung. Das Erlebnis unvor­eingenommener Hilfeleistung scheint uns ein heilender Faktor bei seelischen Erschütte­rungen zu sein, wie dies auch in Familien und Nachbarschaften zu beobachten ist.

 

6. Aufnahme

Die Interessenten melden sich selbst an oder werden von einem Arzt, einem Psychologen oder einer Institution überwiesen. In einem Einführungsgepräch erörtern wir den Bedarf an Unter­stützung, die Wünsche und Fähigkeiten zur Mithilfe und die in unserem Zentrum dafür gege­benen Möglichkeiten sowie die Motivation, in unser Zentrum zu kommen. Dabei bespre­chen wir realistische Ziele, die erreichbar scheinen. Falls das Milieu in unserer Institution oder die Zusammensetzung der Teilnehmer für den Interessenten nicht geeignet erscheint, verweisen wir auf andere Angebote.

 

7. Aufenthaltsdauer

Die Aufenthaltsdauer ist sehr unterschiedlich. In den ersten 10 Jahren des Bestehens haben ca. 1200 Perso­nen an Aktivitäten in unserem Zentrum teilgenommen. Einige kamen 3 bis 6 Monate täglich, die meisten kamen 6 bis 12 Monate lang 1 bis 3 mal wöchentlich zum Kochen und Mittages­sen oder in eine therapeutische Gruppe. Viele behalten den Kontakt und kommen ab und zu wieder ins Tageszentrum zu einem Kaffee, zum Mittagessen, zu Gesprächen oder zu einem Vortrag. In regelmässigen Abständen je nach Intensität des Aufenthaltes und Stärke des persönlichen Leidens finden tägliche, wöchentliche oder monatliche Standortgespräche statt. Oft sind Abklärungen wegen beruflicher oder schulischer Möglichkeiten wichtig. Die vielen Gespräche mit Teilnehmern aus verschiedenen Generationen und aus verschiedensten Lebenssituationen ermöglichen eine Auseinandersetzung darüber, wie sie ihren zukünftigen Lebensweg gestalten könnten.


8. Austritt

Der Austritt erfolgt meistens, wenn sich die psychische Situation stabilisiert hat, wenn sich neue Arbeitsmöglichkeiten eröffnen oder Fortbildungen in Anspruch genommen werden oder wenn sich das familiäre oder soziale Umfeld verbessert.

 

9. Die Leitung

Die Leitung liegt in den Händen der Psychiaterin Dr. med. Lilly Merz Raff und Diethelm Raff, Psychologe FSP.


10. Therapieangebot

10. 1 Allgemeines

Das Angebot im Tageszentrum Miteinander Füreinander zielt darauf ab, den Lebensalltag gemeinsam zu gestalten, auftauchende psychologische Probleme zu besprechen, allgemeine Psychoedukation zu ermöglichen, neue Denk- und Verhaltensweisen zu erlernen sowie aus der Erfahrung gegenseitiger Hilfe hinderliche emotionale Grundüberzeugungen im sozialen Umgang zu verändern.


10. 2. Therapeutisches Milieu

Das therapeutische Milieu im Tageszentrum besteht in Anlehnung an das Soteria-Konzept von Luc Ciompi in der aktiven tätigen Gemeinschaft im überschaubaren Rahmen und in der gleichwertigen Atmosphäre, in der Beziehungen frei entstehen können. Dazu gehört es, Zeit und Raum für Gespräche zu zweit und in der Gruppe zu haben. Die gleichwertige Atmosphä­re muss von den Therapeuten immer wieder von Neuem gestaltet werden. Im Erleben gegen­seitiger Hilfe, die von Freiwilligkeit geprägt ist, soll die Gemeinschaft als tragender Teil des Lebens erfahren, selbst gestaltet und gelernt werden können. Die Erfahrung, dass alltägliche und notwendige Tätigkeiten frei bewältigt werden können und man andere mit unterschiedli­chen Lebenshaltungen verstehen kann, ermöglicht eine grössere Nähe zu den Mitmenschen überhaupt. Eigene Gefühlshaltungen können im vertieften Gespräch bei sich und bei anderen besser verstanden werden. Dabei bilden sich auch emotionale Möglichkeiten heraus, dem anderen näher treten zu können und eigene Beschränkungen im Verständnis anderer und eige­ner Gefühlshaltungen zu überwinden. Gleichzeitig erleben viele, dass sie anderen beistehen und helfen können und vertiefen so ihr Gemeinschafts- und Selbstwertgefühl. Das Erlebnis, dass eigene störende Haltungen bei ande­ren nicht Ablehnung hervorrufen, sondern Unterstüt­zung bei der Änderung, beruhigt im allge­meinen sehr. Gleichzeitig kann man bei anderen abschauen, wie sie Beziehungen gestalten und sinnvolle Anteile selbst übernehmen. Solche konstruktiven Haltungen können im thera­peutischen Milieu hervorgehoben und durchdacht werden. Die Lebensrealität im Haushalt, bei der Gartenarbeit und beim Handwerken, die zusammen mit anderen bewältigt wird, ist ein Übungsfeld, das dabei den einzelnen stärkt, anstehende Aufgaben anzupacken. Diese Erfah­rung vermittelt das Gefühl, dass das Leben leichter wird, wenn es vom Austausch und der Kooperation mit anderen begleitet wird und auftauchende Missverständnisse und Gefühlshaltungen, die häufig Stolpersteine waren und zu entsprechenden Schwierigkeiten im Leben führten, besprochen und geklärt werden können. Wir sind der Ansicht, dass die unter­schiedlichen Ausformungen psychischer Schwierigkeiten bei entsprechender Gestaltung und Zusammensetzung gemeinsam sogar besser veränderbar sind. Von Bedeutung ist es, dass die Tätigkeiten nicht einfach Selbstzweck sind, sondern einen Sinn ergeben, zum Beispiel wohl­tuendes Zusammensein gemeinsam zu gestalten und ein gutes Mittagessen zu kochen. Zudem verkaufen wir die Ergebnisse kreativen Gestaltens, des Backens, der Herstellung von Konfitüren, des Trocknens von Teeblättern zugunsten einer Hilfsorganisation im Ausland, was die Bedeutsamkeit des eigenen Tuns vermittelt und zudem Mitgefühl mit anderen Menschen und deren Situation ergibt. So sind die Teilnehmer innerlich beteiligt und Gefühlshaltungen können verändert werden. Vor allem pensionierte, langjährige Teilnehmer gestalten eine verbindliche Atmosphäre und regen zu verschiedenen Aktivitäten in der Freizeit und am Wochenende an.

Die verschiedenen Aktivitäten sind so gestaltet, dass die Möglichkeit entsteht, Beziehungen mit anderen bis hin zu tiefen zwischenmenschlichen Begegnungen zu entwickeln, eigene Schwächen und mangelnde Fähigkeiten zu überwinden und Stärken zur Wirkung kommen zu lassen. Auftretende Konflikte stellen ein Lernfeld dar und bieten eine Möglichkeit, verfestigte Gefühlsreaktionen, eigene Bewertungsmuster und den individuellen Lebensstil zu korrigieren. Das geschieht gegebenenfalls durch angemessene Reaktionen der Teilnehmer oder durch die Hilfe der Therapeuten. Viele emotionale Deutungsmuster kommen zum Vorschein und können auch in der Gruppe erfasst, zum Teil gedeutet und in therapieähn­lichen Gruppenge­sprächen und in Therapiegruppen besprochen werden.


10. 3. Kochen und Essen

Täglich findet eine Kochgruppe ab 10.30 statt. Von 12 – 14 Uhr wird gemeinsam mit anderen gegessen und anschliessend sauber gemacht. Neben dem geselligen Beisammensein werden in den Tischgesprächen viele psychisch heilende Elemente unterstützt oder initiiert. Dazu gehört, gegenseitiges Verständnis für die Lebensart des anderen zu wecken. Dies geschieht oft aufgrund von Erlebnissen im gemeinsamen Tun. Indem man von seiner Lebenssituation und den Beweggründen für sein Verhalten und von seinen Gefühlsregungen erzählen kann, Echo darauf erhält und die Gefüh­le immer wieder Thema sein können, erleben alle Beteiligten, dass jeder gleich wertgeschätzt wird, dass Erlebensweisen unterschiedlich sein können, dass sie besprochen werden können, dass sie überhaupt wahrgenommen werden können und dass man sie verändern kann. Eine heilende Wirkung im Gespräch ergibt sich auch daraus, dass sich andere in Probleme einbe­ziehen und ihre eigene Gefühlssituation schildern. Genauso wichtig ist das forschende Nach­fragen, warum jemand so und nicht anders denkt, sich verhält und sich fühlt. In einer gleich­wertigen Atmosphäre, in der nach einem Verständnis für die verschiedenen Lebensvorstellun­gen und deren Hintergrund und Geschichte gesucht wird, ergibt sich eine Gewissheit, dass seelische Abläufe verständlich und damit begreifbar werden können – auch schwierigere, zunächst kaum nachvollziehbare.

Beim Kochen und Essen können viele Teilnehmer den Mut entwickeln, Fähigkeiten und Fertigkeiten auszuprobieren und zu erlernen, die ihnen vielleicht zunächst als zu schwierig erscheinen. Das eröffnet spezifische Möglichkeiten der therapeutischen Einflussnahme, wenn zum Beispiel damit auch Schwächegefühle thematisiert werden können und in Vergleich zum realen Tun gezogen werden können.

10. 4. Psychologische Gruppengespräche

Neben den Gesprächen am Mittagstisch und beim Kaffeetrinken finden offizielle Gruppenthe­rapiesitzungen statt, deren Schwerpunkt beraterisch-emotional anteilnehmend oder analytisch lebensstilerhellend ist; es können auch psychologische Themen theoretisch im Sinne einer Psychoedukation besprochen werden. Grundlage und Teil der therapeutischen Arbeit ist die Herausbildung von Vertrauen, was freie Gefühlsäusserungen ermöglicht. Die Gruppen werden halboffen geführt. Themen können Erlebnisse im Tageszentrum oder an anderen Orten sein.


10. 5. Unterstützung bei der Erziehung

Wir legen besonderen Wert auf die Erziehungsfrage, weil damit seelisches Leid am besten verhindert werden kann. Es ist bekannt, dass Eltern oder Ehepartner in schwierigen Situatio­nen besser reagieren, wenn sie mehr Wissen über die menschlichen Beziehungen und über die Erziehung haben, wenn sie über mehr Selbstvertrauen verfügen und wenn sie sich in ihrer Persönlichkeit sicherer fühlen. Von großer Bedeutung ist auch, ob Eltern sich ihrer eigenen Bedeutung, ihrer großen Wirkung und ihres Einflusses auf die Kinder bewusst sind, was oft­mals aufgrund eigener biographischer Hintergründe/Persönlichkeitsanteile zu wenig der Fall ist. Die Eltern sind auch einfühlsamer, wenn sie sich in einer Partnerschaft oder Freundschaft geborgen und emotional abgestützt fühlen und ebenso, wenn sie Unterstützung in ihrem Umfeld haben. Durch Erziehungskurse ein Mal pro Woche, Vorträge, gemeinsames Basteln und Spielen, durch gezielte Förderung des Wissens, was man mit Kindern spielen kann und wie man mit Kindern sprechen kann, können wir auch im Tageszentrum den Eltern ein solches unterstützendes Umfeld geben, sie in ihrer Persönlichkeit stärken, das Verständnis für die emotionale Situation der Kinder verbessern und so Schritte zu mehr Selbstvertrauen ermöglichen. Gleichzeitig können diese Gespräche für andere Teilnehmer einen Einblick in ihre eigene Lebensgeschichte ermöglichen. Falls es sinnvoll ist, können die Teilnehmer sich mit den Fehlern der eigenen Eltern versöhnen, damit unabhängiger von deren früheren verlet­zenden Stellungnahmen werden und die damit verbundenen Gefühle korrigieren.

Viele Teilnehmer erholen sich auch besonders gut, wenn sie Kindern etwas beibringen oder Müttern oder einer Familie behilflich sein können.

10. 6. Hilfe beim Lernen

Im Tageszentrum können Schüler und Studenten selbständig für ihre Prüfungen lernen. Geeignete Teilnehmer helfen Schülern bei ihren Aufgaben. Asylanten und Ausländer ohne ausreichende Sprachkenntnisse erhalten Deutschunterricht und können Beziehungen knüpfen.

10. 7. Lesegruppen

Fast täglich sind Gruppen vorgesehen, die der Erweiterung psychologischer Kenntnisse dienen. Geeignete Fachbücher oder Romane mit gut beschriebenen Gefühlslagen dienen als Anregung. Wir meinen, dass jeder Mensch die psychologischen Erkenntnisse verstehen und für die eigene Persönlichkeitsentwicklung, für die Erziehung, für eine beglückende Partner­schaft und Familie, für Freundschaften und konstruktive Tätigkeiten im Beruf und anderen Lebensbereichen und in gesellschaftlichen Belangen anwenden kann. Die Verbreitung psychologischen Wissens kann deshalb seelisches Leid lindern und verhindern. Zudem können Gefühlsbeschreibungen erst die Möglichkeit ergeben, eigene Gefühle zu erkennen oder die eigenen differenzierter zu benennen. Weiterhin helfen theoretische Darle­gungen dazu, die eigene Analyse selbst vorantreiben zu können. Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass das Denken als Teil des Lebensstils nicht nur nutzbar ist zur Veränderung von Schemata der Lebensbewältigung. Eigenständiges Nachdenken über psychologische Fragen kann ein Teil der Heilung sein, wenn damit zum Beispiel grösserer Mut zum Ausdruck kommt oder die Besserung der eigenen Situation nicht mehr von anderen erwartet wird oder wenn sich darin eine geringere Angst vor dem Fehlermachen zeigt.

Wir versuchen dabei so zu sprechen, dass die Fachsprache nicht durch die Nomenklatur zu weit von der Alltagssprache entfernt ist und dadurch unnötige Lernhemmungen entstehen. Wir sind uns der Gefahr bewusst, dass damit abhängig von den Charakterhaltungen der Teil­nehmer das psychologische Denken nicht mit dem notwendigen Respekt und der notwendigen Ernsthaftigkeit behandelt wird. Gegebenenfalls benutzen wir die Fachsprache.


10. 8. Generationenübergreifende Zusammenarbeit

Im unserem Tageszentrum versuchen wir bewusst, solche Faktoren zu unterstützen, die in der Forschung dem Schutz vor psychischen Schwierigkeiten dienen. Unter anderem dadurch, dass hier Vertreter der erfahrenen älteren Generation ihre konstruktiven emotionalen und kognitiven Fähigkeiten und ihre heran­entwickelten reifen Persönlichkeitsanteile gezielt an die jüngeren Generationen weitergeben. Wenn die mittlere und jüngere Generation bei der erfah­renen Grosselterngeneration einen emotionalen Rückhalt erlebt, kann dies ihrem Leben einen ruhigeren Verlauf geben und in kritischen Lebenssituationen ihren Lebensmut erhalten. Im Tageszentrum können Verbindungen geknüpft werden, die sowohl die Grosselterngeneration als auch die nachfolgenden vor Sinnlosigkeitsgefühlen schützen und seelisches Leid verhindern können.


10.9. Therapeutische Einzelgespräche

Viele Teilnehmer führen mit einem ausgebildeten Gesprächspartner (Psychiater oder Psycho­loge) in dessen Praxis Einzelgespräche. Einige wollen aus verschiedenen Gründen keine Einzelgespräche führen oder brauchen diese nicht.

 


10. 10. Vorträge über psychologische Themen

Mindestens einmal pro Monat finden öffentliche Vorträge zu psychologischen Fragen statt, die dem besseren Verständnis für Gefühlsvorgänge dienen. Zudem richten wir bei Bedarf Seminare zu spezifischen Themen ein. Weiterhin berichten Teilnehmer oder Referenten über das Leben und die Situation der Menschen in anderen Ländern. Alle Vorträge sollen ein bes­seres Verständnis für andere Teilnehmer und damit für die Menschen aus deren Ländern bewirken und ebenfalls die Fähigkeit zum Mitfühlen erleichtern.


11. Zusammenarbeit mit Angehörigen

Die Zusammenarbeit mit Angehörigen wird gesucht, sobald der Teilnehmer dem zustimmt und es möglich oder wichtig erscheint. Diese können auch einmal am Mittagessen oder beim Kaffeetrinken teilnehmen.


12. Medikamente

Falls nötig, werden Medikamente vom zuständigen Psychiater verschrieben.


13. Bezugspersonen

Wo es angebracht ist, kann jeder Teilnehmer eine psychotherapeutisch ausgebildete Bezugs­person zu seiner Vertrauensperson erklären, die therapeutische Einzelgespräche führt, falls dieser nicht schon im Gespräch mit einem anderen Psychotherapeuten steht. Zusätzlich kön­nen andere geeignete Teilnehmer zu Personen besonderen Vertrauens werden. Sie werden supervidiert.


14. Supervision und Intervision

Für Mitarbeiter findet einmal wöchentlich eine interne Supervision statt. Bei Bedarf gibt es auch tägliche Besprechungen. Dort wird besprochen, was in der sozialen Lernsituation der therapeutischen Gemeinschaft nicht besprochen werden kann.
Bei Bedarf helfen externe Psychologen und Psychiater bei einer Intervision mit, einzel­ne Entwicklungen von Teilnehmern zu verstehen, das therapeutische Milieu zu verbessern oder störende Gefühlsanteile der Mitarbeiter zu untersuchen und zu klären.


15. Theoretische Grundlagen

15. 1. Allgemeine psychologische Grundlagen

Wir gehen vom Menschen als sozialem Wesen aus, wie dies heute in den Sozialwissenschaf­ten Allgemeingut geworden ist. Der Mensch ist dementsprechend von Geburt an auf Koopera­tion mit seinen Artgenossen vorbereitet und entfaltet und definiert sich als einzigartiges Individu­um in Ausrichtung auf die Mitmenschen, wie es unter anderem die Altruismusfor­schung, die Forschung über das prosoziale Verhalten sowie die Kommunikationsforschung beschreiben. Diese Individuation oder Identitätsbildung geschieht innerhalb der gegebenen sozialen Bedingungen, der bestehenden Kultur und deren Geschichte. Im vielseitigen Wech­selspiel mit den ersten Bezugspersonen bildet der Mensch eine allgemeine psychische Stellungnahme zum Gegenüber und dem Leben als Ganzem. Diese innere Stellungnahme formt im weiteren die Wahrnehmung, die Beurteilung der Gegebenheiten und die notwendi­gen oder möglichen Antworten darauf, also das Fühlen, Denken, Handeln und die Ausbildung der angeborenen Möglichkeit zur Vernunft. Diese folgen einer eigenen Logik, die Luc Ciompi als Affektlogik bezeichnet. Ein eigenständiges Individuum bildet sich, wenn es gelingt, im sozialen Umfeld innerhalb gleichwertiger und tragender Beziehungen das Gefühl zu ent-wickeln, eine Bedeutung zu haben. Dieses Gefühl, für andere und für die Gesellschaft von Bedeutung zu sein, ist für die emotionale Beheimatung im Leben entscheidend, wie auch der bekannte Sozialpsychiater Klaus Dörner in jüngeren Arbeiten hervorgehoben hat. Die psychi­sche Gesundheit hängt damit zusammen, wie viele Menschen in welchem Ausmass Befriedi­gung dabei entwickelt haben, mitmenschliche und kooperative Gefühle und entsprechendes Denken und Handeln zu leben. Das führt zu einem beglückenden und friedlichen Zusammen­leben und damit zur Entfaltung von Kultur. Anders ausgedrückt hängt dies damit zusammen, inwieweit die Bildung der Identität des Einzelnen vor allem in der frühen Kindheit - die psychische Stel­lungnahme - ein mitfühlendes und verantwortliches Leben beinhaltet. In der Individualpsychologie Alfred Adlers wird diese innere Verbundenheit mit den Menschen und dem Leben allgemein Gemeinschaftsgefühl genannt. Gelingt es, als eigenständiger Mensch einen Beitrag zum allgemeinen Wohl zu leisten, entsteht ein Sinn im Leben, der beglückt. Mit dieser seelischen Ausrichtung kann jeder als gleichwertiger und tätiger Mensch sein Leben eigenständig und in Verbindung mit anderen innerhalb bestehender Systeme sinnvoll gestalten.

Die seelischen Bewegungen, die Affekte, das Denken und das Handeln, die Motivation und die Zielrich­tung jedes einzelnen sind aufgrund der jeweiligen Lebensgeschichte verstehbar. Gemäss Alfred Adlers Individualpsychologie folgen sie einer Lebensmelodie, einem Lebens­stil, einer eigenen (Psycho-)Logik, was Jeffrey E. Young und Heinrich Berbalk in der Schematherapie Schemata nennen. Man kann gemäss Klaus Grawes Konsistenztheo­rie auch von motivationalen Schemata reden, die Vermeidungs- oder Annäherungszielen im Leben dienen. Zum Verständnis der individuellen Lebensform helfen uns Verhaltens-, Moti­vations- und Zielanalysen, die Selbsteinschätzung und die damit einhergehende Meinung über seine Stellung unter den Menschen, die Wertvorstellungen, die Art der Beziehungsbildung zu wich­tigen Personen wie zu den Eltern, Geschwistern und weiteren Familienmitgliedern, die allge­meine Einstel­lung der ersten Bezugspersonen zum Leben und zur Welt, sowie die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Situation in der Kindheit und später. Jeder Mensch entwickelt mit diesem Hintergrund eine unbewusste, halbbewusste und bewusste Vorstellung davon, was er vom Leben und den Menschen erwartet und wie er sich unter den Menschen bewegen will.

Die Familienatmosphäre und die erzieherische Haltung der Eltern bieten das Umfeld, in dem das Kind seine Stellungnahme zum Leben entwickelt, seinen Charakter bildet. Ob sich der Mensch später in seiner Haut und mit anderen Menschen wohl fühlt, ob er auskommt mit anderen Menschen, ob er ihnen wohlgesinnt ist, ob er sein Leben aktiv, gemeinschaftlich oder antigemeinschaftlich gestaltet, ob er seinen drei Hauptaufgaben (Liebe, Beruf und Gemein­schaft) im Leben gerecht wird und ob er sich glücklich oder unglücklich fühlt – all das ist die Folge der Erziehung. Wenn die Eltern eine innerlich ruhige, liebevolle, unterstützende, wohl­wollende, stärkende Art in der Erziehung haben, verbunden mit einem eigenen starken Selbst­wertgefühl und guten Gefühlen für andere Menschen, dann orientiert sich das Kind an diesem Umgang mit ihm und den anderen Menschen. Es entwickelt dann die besten Grundlagen, ein seelisch relativ gesunder Mensch zu werden, sich mit dem Mitmenschen verbunden zu fühlen und sein Leben nach dem Vorbild seiner Eltern aktiv und sinnvoll zu gestalten.

Die Bedeutung der Verbundenheit mit anderen Menschen in der Kindheit und im Erwachse­nenalter - auch für die Eigenständigkeit - ist besonders in der Bindungstheorie im Gefolge von John Bowlby, Mary Ainsworth und in Deutschland durch das Ehepaar Grossmann dargestellt worden und ist für die Entwicklungspsychologie bezogen auf die ganze Lebensspanne prägend. Unter anderem ist in diesem Forschungszweig deutlich geworden, dass gut gebunde­ne Kinder höhere soziale Fähigkeiten entwickeln und später im Leben beglückendere und konstantere Beziehungen aufbauen können.


15. 2. Entstehung psychischer Probleme

Ein Lebensstil mit dazugehörigen Einstellungen, Motivationen, Zielen und Charakterhaltun­gen kann sehr sinnvoll für die Erlangung von Glück, Zufriedenheit, Lebenssinn und im Hin­blick auf einen positiven Beitrag zum Glück aller sein (Adaptive Schemata nach J.E. Young).

Er kann aber auch in einzelnen Situationen oder in grossen Teilen des Lebens ungenügend sein oder sogar stören. Es kann so weit kommen, dass der Mensch vor einzelnen Bereichen oder vor dem Leben überhaupt zurückschreckt, unter Druck kommt oder psychosomatische Störungen entwickelt und deshalb in einzelnen Lebenssituationen oder auch über längere Strecken des Lebens für sich keine Möglichkeit sieht, das Leben sinnvoll oder seinen Vorstel­lungen gemäss zu bewältigen (Maladaptive Schemata nach J.E. Young). Dies hängt unter anderem mit einer geringen Selbstwirksamkeitserwartung gemäss Albert Bandura zusammen.

Eine gute oder mangelnde Ausstattung für das Leben zeigt sich oftmals erst in (neuen) Situa­tionen, in denen sich der Mensch vor Herausforderungen gestellt sieht. Häufig handelt es sich um individuelle Aufgaben, die zu bewältigen sind. Havighurst hat aber auch - weitergehender als Erik Erikson - allgemeine Entwicklungsaufgaben in der gesamten Lebensspanne des Menschen benannt, die für jeden Menschen Lernaufgaben darstellen. Waters und Sroufe (1983) bezeichnen diese als Entwicklungsthemen, die jeder einzelne in seinem Leben zu bewältigen hat. Je nach Art der Bewältigung entsteht mehr Mut und Zuversicht fürs Leben oder aber Vorsicht und Verzagtheit. Zu diesen Lebensaufgaben oder Lebensthemen gehören Trennung von den Betreuungspersonen für eine gewisse Zeit wie im Kindergarten oder in der Schule, die Bewältigung schulischer Anforderungen, die Berufsfindung, die Partnerschaft, die Familiengründung und der Umgang mit neuen Formen von sozialen Aufgaben im Alter. Die sinnvolle Bewältigung solcher Lebensaufgaben sind für die Persönlichkeit des Menschen, für sein Selbstvertrauen, von grosser Bedeutung. Obwohl meist voraussehbar, können diese Herausforderungen den Menschen stark beeinträchtigen, wenn sie aufgrund mangelnder psy­chischer Voraussetzungen, wie zu grosser Verletzlichkeit (Vulnerabilität), schlecht oder nicht bewältigt werden können. Für uns bedeutet dies auch, dass trotz unterschiedlicher Voraussetzungen jedem Menschen bei entsprechend starken Anforderungen zu wenige oder inadäquate emotionale Bewältigungsstrategien zur Verfügung stehen und jeder mit entsprechendem Ausweichverhalten bis hin zu offenen psychischen Problemen reagieren kann. Die mangelnde Bewältigung anstehender Aufgaben kann sich durch eine schleichende oder aber akute Verschlechterung des psychischen Zustandes zeigen. Diese grundsätzliche Ähnlichkeit der Gefühlsabläufe in allen Menschen gepaart mit Empathie ermöglicht es, sich in anderen zu spiegeln und sich gegenseitig zu unterstützen. Dies geht auch aus den umfassenden neuropsychologischen Befunden hervor, die Joachim Bauer dargestellt hat.

Psychische Schwierigkeiten können auch durch einzelne, meist unvorhergesehene sogenannte kritische Lebensereignisse wie Unfälle, Ortswechsel, Trennung der eigenen Ehe oder der Ehe der Eltern, Verlust nahestehender Personen, ökonomische Einbussen oder Verlust des Anse­hens hervorgerufen werden. Sie können den Menschen auf schon überwundene Gefühlszu­stände zurückwerfen, je nachdem, wie er diese Ereignisse aufgrund seiner inneren Ausstat­tung bewertet. Da diese Ausstattung mit Schutzfaktoren unterschiedlich ist, lassen sich sogar bei sehr schwierigen Lebensereignissen noch keine Voraussagen auf die psychische Auswir­kung machen. Vielmehr weist die Art der Bewältigung der Ereignisse auf den Lebensstil hin. Gelingt es dem Menschen, solche Situationen zu bewältigen, so wird er innerlich stärker. Er kann sie sicherlich besser bewältigen, wenn er erfährt, dass er von anderen, oft im Gegensatz zu früheren Erlebnissen, unterstützt und getragen wird.

Die ungenügende Vorbereitung für auftauchende Lebensanforderungen oder maladaptive Bewältigungsstrategien manifestieren sich also als psychische Probleme. Wie gesagt, sind diese vor allem auf Kindheitserlebnisse zurückzuführen, die zu sehr hartnäckigen Wahrneh­mungs- und Deutungsmustern von Lebensereignissen und darauf aufbauender Emotionen, Handlungsmustern und Zielsetzungen geführt haben. Sie sind nicht angepasst oder gemäss Harry Stuck Sullivan parataktisch verzerrt und beeinträchtigen oder erschweren die Lebensbe­wältigung.


15. 3. Verbesserung der psychischen Situation bis hin zur Veränderung von hinderlichen Lebensvorstellungen und Charakterhaltungen

Hat ein Mensch psychische Probleme, so gelingt eine Verbesserung normalerweise nicht einfach mit einem starken Willen und rationalem Bemühen. In solchen Situationen braucht der Betroffene meist Unterstützung oder Assistenz. Für eine grundsätzliche Veränderung muss ein Mensch seine unbewussten verzerrten Meinungen (Schemata) vom Leben und die damit verbundene aktive Absicherung gegen vermeintliches oder tatsächliches Versagen erfassen und korrigieren können. Wir gehen jedoch davon aus, dass das Verständnis für die individuellen Lebenshaltungen und deren Veränderungen aktiv von jedem selbst erbracht werden kann und muss. Ein Schritt dazu sind kognitive Einsichten und das Erkennen des indi­viduellen Lebensstils, der Schemata. So haben auch neuere Forschungen auf dem Gebiet der Emotionen, hier insbesondere soziale Ängste, ergeben, dass sich sowohl durch Psychotherapie wie auch durch Gruppenpsychotherapie sogar nachweisbare Veränderungen im Hirn ergeben, die mit einer Verbesserung oder Heilung der sozialen Ängste korrelieren. Wir sind uns bewusst, dass der einzelne dabei keinen freien Willen hat, sondern auch dabei seinen Schemata, seinen Meinungen über die Welt, das Leben und die Menschen folgt. Der einzelne kann in einem anderen Schritt diese Gefühlswelt nur dann wirklich nachhaltig ändern, wenn er korrigierende tragende Erlebnisse mit Men­schen macht und in vertrauensvollen Beziehungen einen anderen Lebensentwurf aufstellen und dadurch die verfestigten Haltungen überwinden kann. Langfristige Erlebnisse emotional gelebter Gleichwertigkeit und Beziehungen ohne Bedingungen und Ansprüche und in Koope­ration führen bei den meisten Menschen zu einer inneren Beruhigung. Solche Erlebnisse stel­len eine Grundlage für emotionale Veränderungen dar oder sind Teil der Veränderung, wenn es dem einzelnen möglich ist, dabei andere Menschen als gleichwertige, vertrauenswürdige und zuverlässige Mitmenschen zu erleben. Indem der Einzelne auch mit der Ermutigung von Anderen und durch Vorbildwirkung von Menschen mit ehemals ähnlichen Problemen erlebt, dass er Aufgaben erstmals, wieder oder besser bewältigen kann, steigt seine Selbstwirksam­keitserwartung, sein Selbstwertgefühl und sein Gefühl, neben anderen bestehen zu können.

In Anlehnung an die Neopsychoanalytiker wie Frieda Fromm Reichmann, an Gaetano Benedetti und an Luc Ciompi sowie in neuerer Zeit an Y.O. Alanen und Thomas Bock, gehen wir davon aus, dass die Psychosen genauso verstehbar und veränderbar sind wie andere Auf­fälligkeiten. Wir machen dabei keinen grundsätzlichen Unterschied in der Verstehbarkeit und Veränderbarkeit von Charakterschwächen, sogenannten Persönlichkeitsstörungen, Neurosen und Psychosen.

Meilen, 15.11. 2008

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